Coaching auf dem Prüfstand – Teil 1 – Die Geschichte eines Mythos

Coaching auf dem Prüfstand – Teil 1 – Die Geschichte eines Mythos

Geschrieben am 29.03.2020
von Timon Dürr


Was ist Coaching? Was bringt mir das und vor allem – wer oder was garantiert mir, dass es mir etwas bringt? Vielleicht stellen genau Sie sich diese oder ähnliche Fragen, wenn Werbebanner & -videos von selbsternannten Coaches, Beratern, Trainern und Keynote-Speakern die Timelines auf Instagram und Facebook pflastern, während Werbemails derselben die Postfächer von XING und LinkedIn säumen. Einer Freundin von mir erklärte ich im Rahmen meines Master-Studiums in Business Coaching und Change-Management im Februar 2019 verschiedene Formen von Coaching – von Life-, Emotions-, Flirt-, Eltern-, Dance- und Mental- bis hin zu Abi-, Kommunikations-, Führungs- & Sport-Coaching (Böning & Fritschle, 2005, S. 18 ff.; Strikker, 2007, S. 12; Böning & Strikker, 2014, S. 484 f.; Loebbert, 2015, S. 133), bis sie mich auf einmal unterbricht und insistiert: „…jetzt fehlt nur noch Arsch-Coaching“. Ich war zunächst perplex; musste über diesen vulgären Witz schmunzeln und gleichzeitig bestürzt, welche Assoziation diese Vielzahl an Ausprägungen zu hinterlassen scheint.

Coaching und die Geschichte dessen Diversifikation

Die Terminologie des Begriffs „Coaching“ lässt sich bis ins Ungarn des 15. Jahrhunderts zurückverfolgen; genauer bis in das Dorf Kosci Szekér, in dem Pferdefuhrwerke hergestellt wurden. Der Name prägte die sprachliche Entsprechung beispielsweise in coche (französisch), koche (spanisch) oder Kutsche (deutsch). Im Englischen ist der Namensursprung seit ca. 1550 in der Redewendung – to coach a horse – wiederzufinden, die die Gewöhnung eines Pferdes an den Kutschenwagen bedeutet (König & Volmer, 2012, S. 10). Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der betreuende Dozent von Studierenden „Coach“ genannt (Bayer, 2000; Kubowitsch, 1995). Der Begriff „Coaching“ hat seine Prägung im Sport, womit die psychologische und fachliche Betreuung von Sportlern gemeint ist (Migge, 2011, S. 17; König & Volmer, 2012, S. 10). Diese Art der Betreuung findet ihren Weg Mitte der 1970er-Jahre in das US-amerikanische Management und in den 80er-Jahren, in das Deutschlands (Böning & Fritschle, 2005; Böning & Strikker, 2014, S. 486 ff.). Böning & Fritschle (2005, S. 23 & 31) unterteilen die Entwicklung von Coaching in sieben Phasen:

  1. Phase: „Der Ursprung“ (USA, 70er – Mitte 80er). Fokus: Entwicklungsorientiertes Führen durch Vorgesetzte
  2. Phase: „Die Erweiterung“ (USA, Mitte 80er). Fokus: Karrierebetreuung
  3. Phase: „Der Kick“ (Deutschland, Mitte 80er). Fokus: Externe Topmanagement-Beratung
  4. Phase: „Die systematische Personalentwicklung“ (Deutschland, Ende 80er). Fokus: Interne Beratung der hierarchisch mittleren und unteren Führungskräfte
  5. Phase: „Die Differenzierung“ (Anfang 90er). Fokus: Gruppen- & Teamcoachings von Arbeitsgruppen und innerhalb von Seminaren, EDV-Coaching & Projekt-Coaching als Begleitungstool
  6. Phase: „Der Populismus“ (Mitte/Ende 90er). Fokus: Konflikt-Coaching, TV-Coaching / gefühlt jeder Berater nennt sich Coach.
  7. Phase: „Vertiefte Professionalisierung“ (Nach 2000). Fokus: Methodische & zielgruppenspezifische Differenzierung, Qualitätsanforderungen werden erhöht, Anfänge der Standardisierung innerhalb Aus- & Weiterbildungen, Forschungsintensivierung sowie exotische Varianten von Coaching-Angeboten entstehen (Dance-, Technologie-, Astrologie-, Emotions-Coaching, etc.).

Phasen 1-6: Böning & Fritschle, 2005, S. 31 | Phase 7: Böning & Fritschle, 2005, S. 23

Überblick & Abgrenzung

Insgesamt lassen sich sechs Coachingfelder grob systematisieren:

  • Business Coaching (Fokus: alle arbeits- & berufsrelevanten Themen, bsw. Topmanagement)
  • Sportcoaching (Fokus: Begleitung von Athleten im Amateur- bis Hochleistungssport)
  • Life Coaching (Fokus: jegliche Bereiche außerhalb des Berufs- & Arbeitslebens, mit einer schier endlosen Anzahl an Kombinationen und Ausprägungen)
  • Bildungscoaching (Fokus: Begleitung von Schülern & Studenten in Bildungsprozessen)
  • Gesundheitscoaching (Fokus: Begleitung von Personen zur Verbesserung der physischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit)
  • Virtuelles Coaching (Fokus: Feld-übergreifende Coachingvariante via Mail, Chat, Podcasts, Videos, etc.)

Dabei zielt Coaching auf die Verbesserung von Arbeits- & Lebenssituationen von Personen ab, die dabei beraten und unterstützt werden (Strikker, 2007, S. 10). Der Deutsche Bundesverband Coaching e.V. (DBVC) definiert Coaching bzw. Business Coaching als „professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs-/Steuerungsfunktionen und von Experten in Unternehmen/Organisationen […,zur…] Weiterentwicklung von individuellen oder kollektiven Lern- & Leistungsprozessen bzgl. primär beruflicher Anliegen. […] Durch die Optimierung der menschlichen Potenziale soll die wertschöpfende und zukunftsgerichtete Entwicklung des Unternehmens / der Organisation gefördert werden“ (DBVC online, o.D.). Böning & Strikker (2014, S. 489) fassen folgende Thematiken im Coaching in einer Art Meta-Perspektive zusammen. Demnach ist Coaching „eine Antwort auf“ (ebd.):

  • „das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Partizipation“
  • „das Bedürfnis nach Wertschätzung & Selbstverwirklichung“
  • „das Bedürfnis nach Orientierung“ in Zeiten der Globalisierung
  • „das Bedürfnis nach Ruhe & Sammeln der Kräfte“ in Zeiten
  • zunehmende(r) Komplexität
  • elektronische Verschmelzung und fehlender menschlicher Empathie
  • „eine Welt ohne Gott und […] der Suche nach Sinn“
  • die Verzahnung verschiedener Disziplinen

Das Spektrum von Coaching lässt sich mit Hilfe des „Funktionspendels“ darstellen: Dabei handelt es sich um eine Übersicht zur Unterscheidung der Rollen Therapeut, Coach & Experte bzw. Manager.



Abbildung 1: Funktionspendel Coaching (Wolff, 2019, S. 24).

Der Therapeut betreibt Persönlichkeitsentwicklung hinsichtlich privat-persönlicher Probleme mit Krankheitswert. Der Business-Coach betreibt dagegen Personalentwicklung hinsichtlich persönlich-beruflicher Fragestellungen, auch wenn Coaching sich differenzierter Methoden & Vorgehen der Therapie bedient. Der Therapeut heilt, der Coach entwickelt weiter und betreibt Potenzial-Aktivierung (Schmidt-Lellek, 2015, S. 119 & 121; Wolff, 2019, S. 24). Im Kontext von Abbildung 1 ist der Experte, im Sinne von Berater, eine Art didaktische Lehrer, der Wissen vermittelt. Dieser Übergang ist fließend, da ein professioneller Coach ebenfalls über Methoden- & Feldkompetenz verfügt und damit in der Lage ist didaktisch vorzugehen. Insbesondere im Rahmen des Transfers besteht hierbei die Möglichkeit die Rolle des Trainers einzunehmen (Schreyögg, Bachmann & Dallüge, 2019, S. 30 f.).

Zusammenfassung

Was ist Coaching und was bringt mir das? Zusammenfassend lässt sich festhalten: Business Coaching ist die professionelle Beratung, Begleitung sowie Unterstützung von Führungskräften, Experten und Schlüsselpersonen innerhalb Organisationen, zur Entwicklung von Fähigkeiten & Fertigkeiten sowie Überwindung von Herausforderungen und Lösung von individuellen & systemischen Problematiken mit dem Ziel, der Produktivitäts- & Zufriedenheitssteigerung.

Im nächsten Blogbeitrag geht es um die Professionalisierung von Coaching hinsichtlich der Leitfrage: Was macht einen guten Coach aus und was kann ich mit dessen Hilfe ganz konkret entwickeln?


Literaturverzeichnis

Bayer, Hermann (2000). Coaching-Kompetenz: Persönlichkeit und Führungspsychologie (2. Auflage). München: Ernst Reinhardt Verlag.

Birgmeier, B. (2009). Coacing in Fußnoten! – Ein Essay zum Coaching, zum Wissen und zum Coachingwissen. In B. Birgmeier (Hrsg.): Coachingwissen. Denn sie wissen nicht, was sie tun? (S. 15-29). Wiesbaden: Springer.

Böning, U. & Fritschle, B. (2005). Coaching fürs Business. Was Coachs, Personaler und Manager über Coaching wissen müssen. Bonn: managerSeminare.

Bönging, U. & Strikker, F. (2014). Ist Coaching nur Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen oder auch Impulsgeber? In OSC (Organisationsberatung Supervision Coaching), 21(4), S. 483-496.

Deutscher Bundesverband Coaching e.V. (o.D.). Definition Coaching [dbvc.de]. Verfügbar am 29.03.2020 unter https://www.dbvc.de/der-verband/ueber-uns/definition-coaching.

König, E. & Volmer, G. (2012). Handbuch Systemisches Coaching. Weinheim/Basel: Beltz.

Kubowitsch, K. (1995). Power Coaching. Wie Sie sicher besser vermarkten und mehr Einfluss im Unternehmen gewinnen. Wiesbaden: Springer.  

Loebbert, M. (2015). Coaching Theorie. Wiesbaden: Springer.

Migge, B. (2011). Handbuch Business-Coaching. Weinheim Basel: Beltz.

Schmidt-Lellek, C. (2015). Coaching in Relation zur Psychotherapie. In A. Schreyögg & C. Schmidt-Lellek (Hrsg.), Die Professionalisierung von Coaching und Supervision (S. 119-134). Wiesbaden: Springer.

Schreyögg, A., Bachmann, T. & Dallüge, T. (2019). In DBVC (Hrsg.): Leitlinien und Empfehlungen für die Entwicklung von Coaching als Profession. Kompendium mit den Professionsstandards des DBVC (5., aktualisierte Auflage 2019) (S. 28-35). Osnabrück: DBVC.

Strikker, F. (2007). Coaching im 21. Jahrhundert. Kritische Bilanz und zukünftige Herausforderungen in Wissenschaft und Praxis. Augsburg: Ziel.

Wolff, U. (2019). Anwendungsbereiche. In DBVC (Hrsg.): Leitlinien und Empfehlungen für die Entwicklung von Coaching als Profession. Kompendium mit den Professionsstandards des DBVC (5., aktualisierte Auflage 2019) (S. 22-27). Osnabrück: DBVC.